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Abenteuer Yukon

3200 Kilometer im Kanu durch Kanada und Alaska

Yukon River Karte

© Text und Fotos: Christian Zimmermann

Tipp: Für den kürzeren Urlaub empfiehlt sich die Strecke von Whitehorse nach Dawson
Der Flussführer von Dieter Reinmuth ist dabei ein muss:
Yukon: Kanu- und Floßtour. Der Weg ist das Ziel

Fürs Befahren des gesamten Yukons oder seiner Nebenflüsse kann ich folgenden Führer empfehlen:
Paddling the Yukon River and Its Tributaries von Dan McLean

... und hier noch ein weiterer Reisebericht zum Einstimmen von Dirk Rohrbach:
Yukon: 3000 Kilometer im Kanu durch Kanada und Alaska

Die ersten Reisetage

Unsere Ausrüstung besteht aus zwei Ruchsäcken, zwei Fototrekkern und zwei wasserdichten 60-Liter Fässern, die schon auf dem Bahnhof ziemlich Aufsehen erregen. Auf dem Perron in Bern werde ich von einer älteren Dame gefragt: "Was haben Sie denn vor? Welchen Zweck haben diese komischen Fässer?" Die Antwort ist einfach: "Wir unternehmen einen längeren Kanutrip, und das sind unsere Proviantbehälter." Bis zum Flughafen in Zürich werden wir noch mit vielen neugierigen Blicken bedacht, von Leuten, die wohl nicht verstehen können, wie man mit solch einem Gepäck reisen kann.
Beim Einchecken taucht schon das erste Problem auf: Der Flug nach Anchorage ist total überbucht, und es ist nicht sicher, ob für uns ein Plätzchen frei ist. Das darf doch nicht wahr sein ,denke ich, schon am ersten Tag solche Schwierigkeiten. Wie soll das erst in Alaska herauskommen? Nach einer zermürbenden halben Stunde werden unsere Namen aufgerufen, und wir gehen wieder zum Schalter. Die nette Angestellte von American Airlines fragt uns freundlich: "Macht es Ihnen was aus, in der Business Class zu fliegen?" Wie aus einem Rohr geschossen antworten wir: "Natürlich nicht."
Nach einem langen, aber ziemlich genüssliche Flug in weichen Ledersesseln kommen wir am späteren Abend in Anchorage an. An der Bushaltestelle treffen wir Bernd aus Würzburg, der sich kurzentschlossen uns anschliesst und mit in die Jugi fährt. Als er hört, was wir vorhaben, ist er hell begeistert, denn eine Kanutour auf dem mächtigen Yukon war schon immer sein Traum gewesen. Sein einziges Problem: die 5 Wochen Ferien werden nicht ausreichen...
Zwei Tage später sitzen wir nun wirklich zu dritt in einem Mietwagen. Bevor wir Richtung Whitehorse fahren, müssen wir uns erst die restlichen Flusskarten bei der Universität besorgen, aber dann geht es ab nach Kanada, zum Ausgangspunkt unseres Trips - der "Fluss" ruft!
In Whitehorse angekommen, richten wir uns für die nächsten drei Tage auf dem Sourdough Country Campsite ein. Jetzt gilt es, zwei Kanus zu besorgen und unsere Ausrüstung zu vervollständigen. Das heisst: grosse Regenplane, Axt, Klappspaten, Angelrute, Kochutensilien, Grillrost etc. Der Kanukauf stellt sich als grösseres Problem dar, denn im Frühling ist die Nachfrage für gebrauchte Kanus sehr gross. Wir wälzen schon die Inserate in den Zeitungen, als wir plötzlich auf dem Campingplatz zu unserem neuangekommenen Nachbarn rüberblicken. Was sehen da unsere Adleraugen: Auf dem Autodach des älteren Ehepaares thront ein schönes 15 Fuss Coleman-Kanu. Kurzentschlossen gehen wir rüber und fragen einfach: "Hi, do you wanna sell your canoe?" Nach einer kurzen Denkpause meint er: "Maybe". Aus diesem Maybe wird schnell ein Yes, und nach einer halben Stunde wechselt das Kanu Nummer 1 seinen Besitzer. Das zweite Kanu besorgen wir uns bei den Canoe People, die schwimmbare Untersätze vermieten , aber ab und zu auch Occasionen zu verkaufen haben.
Frühmorgens am nächsten Tag machen wir grossen Provianteinkauf. Unsere zwei 60 Liter-Fässer plus der zusätzliche 100 Liter-Seesack von Bernd sind schnell mit Teigwaren, Reis, Kartoffeln, Mehl, Zucker, Kaffee, Tee, Eiern, Gemüse, Früchte, Schokolade, Käse, Marmelade, Cookies, Gewürzen und vielen anderen leckeren Sachen gefüllt. Diese Nahrungsmittel müssen etwa zwei Wochen ausreichen, bis wir wieder einkaufen können.

Begegnung mit Laurent

Es geht schon gegen Mittag zu, und wir genehmigen uns noch ein letztes kühles Bier bevor sie nun endgültig losgeht, unsere Kanufahrt auf einem der längsten und unberührtesten Ströme dieser Erde. Auf dem Weg zu unseren Kanus hält uns ein Wagen auf. Die Beifahrerscheibe wird heruntergekurbelt und eine englische Stimme mit französischem Akzent fragt: "Do you know where the next Outfitter Store is?" Wir können ihm die gewünschte Auskunft geben, und im Laufe des folgenden Gesprächs stellt sich heraus, dass der Fahrer Laurent heisst und nicht weit von unserem damaligen Wohnort Biel, nämlich aus Neuenburg, stammt. Da unser Französisch und sein Deutsch nicht zum Besten bestellt ist, unterhalten wir uns in Englisch. "What are you doing here?", will Laurent wissen."Wir machen eine Kanutour auf dem Yukon durch ganz Kanada und Alaska bis an die Beringsee. Wir wollen noch heute aufbrechen." Unser Gegenüber macht ein langes Gesicht und erklärt, dass er dasselbe vorhat, aber mit einem Kajak. Auch wir schauen wahrscheindlich ziemlich dumm aus der Wäsche, denn auch wir meinten, wir seien wohl die Einzigen...

Wir zurren noch einmal unsere Sachen in den Kanus fest, streifen die Schwimmwesten über und greifen zu den Paddel. Andreas und ich im ersten, Bernd alleine im zweiten Kanu, und ab geht die Post. Was für ein Gefühl; endlich unterwegs, endlich frei von Verpflichtungen in der Schweiz: Kein Telefon, kein TV, keine Steuerrechnungen! Yuhuuuuuu!!!!! Schon nach einer halben Stunde ist von der Zivilisation nichts mehr zu bemerken. Wir geniessen die ersten Paddelschläge und lassen uns mit der wärmenden Nachmittagsonne treiben. Morgen werden wir den 50 Kilometer langen Lake Laberge erreichen, da ist es dann vorbei mit Faulenzen...Unser erstes Camp schlagen wir auf einer Insel auf. Nach den Spaghetti Carbonara und Gurkensalat geht es uns schon etwas besser. Auch unser Brot (Banock) aus der Bratpfanne ist ganz ordentlich geworden, doch ist unsere Brotbacktechnik noch verbesserungsfähig...
Noch vor dem Sonnenaufgang schleichen wir uns in die Nähe des Biberbaues ,den wir gestern am unteren Ende der Insel entdeckt haben. Es ist eisig kalt, und ich überlege, ob die Biber wohl das Zähneklappern von uns Dreien hören können? Aber wenn auch, sie lassen sich auf alle Fälle nicht stören. Eine ganze Familie ist damit beschäftigt, Zweige und Äste heranzuschleppen. Immer einer passt auf uns Störefriede auf, und wenn es ihm zu bunt wird, schlägt er mit seinem Schwanz aufs Wasser und taucht fort. Stundenlang beobachten wir diese graziösen Tiere, wie sie geschickt die Zweige in ihren Bau einflechten und pausenlos neues Baumaterial herbeischaffen.

Endloser Lake Laberge

Lake LabergeLake Laberge

Nach einem ausgiebigen Frühstück beladen wir wieder unsere Kanus und brechen auf. Da der Yukon noch niedrigen Wasserstand führt, ist es in der Mündung des Flusses in den Lake Laberge ziemlich schwierig, eine genügend tiefe Durchfahrt zu finden. Doch nach einigem Rumstochern lassen wir die Sandbänke hinter uns und gelangen auf den offenen See. Nur noch einige Eisschollen in Ufernähe zeugen von dem langen und kalten Winter. Lake Laberge liegt spiegelglatt vor uns, und es ist eine wahre Freude, sich paddelnd fortzubewegen. Doch diese Idylle währt nur bis zum frühen Nachmittag, denn plötzlich kommt starker Wind auf, und es bilden sich Schaumkronen auf den immer grösser werdenden Wellen. Nach zwei anstrengenden Stunden müssen wir einsehen, dass es keinen Sinn hat, auf immer derselben Stelle zu rudern. Wir beschliessen, unser abendliches Camp aufzubauen.
Nach drei kräftezehrenden Tagen auf dem See erreichen wir endlich Lower Laberge, eines der vielen verlassenen Dörfchen aus der Goldrauschzeit. Damals, 1898, kamen 30'000-40'000 Glücksritter über den Chilkoot- und Whitepass, um anschliessend mit selbergebauten Booten und Flössen den Yukon zu befahren. Nach 700 Kilometern waren sie am Ziel ihrer Träume: Dawson City, wo die Goldfelder am Zusammenfluss des Yukon und Klondike Rivers liegen. Riesige Schaufelraddampfer befuhren zu dieser Zeit den Yukon und etliche Wracks zeugen noch heute von seinen Tücken. Man kann sich kaum vorstellen, welche Strapazen diese Menschen auf sich genommen haben, nur wegen dem Lockruf des Goldes. Auch Jack London war einer von ihnen und wurde später weltberühmt mit seinen Geschichten. All diese Leute hatten noch keine Leichtgewichts-ausrüstung wie wir, keinen Gore-Tex-Anzug, kein Rückflugticket nach Hause...
Mit den Gedanken bei den Goldgräbern nehmen wir den nächsten Abschnitt unter unsere Kanus. Doch schnell sind die alten Zeiten vergessen, da wir voll von der Schönheit der Landschaft und des Flusses in den Bann gezogen werden. Die ersten Weisskopfseeadler kreisen ihre Runden über uns. Ein Vielfrass schaut zu uns rüber und lässt sich bei seinem Frühstück nicht gross stören. Plötzlich sehen wir einen braunen Fleck stromabwärts. Wir sind uns nicht einig, ob es nur ein Wurzelstock, oder ein Tier ist. Es ist ein Tier, es bewegt sich. Es ist eine wunderschöne Grizzlybärin mit ihrem Jungen, die sich am Flussufer vergnügen! Andreas, der vorne sitzt, grabscht schnell nach seinem Stativ und der Kamera mit dem Teleobjektiv. Wir können uns geräuschlos bis fünfzig Meter an die Bären herantreiben lassen, bis sie uns entdecken und Reissaus nehmen.

Endlich Fisch und ein anständiges Brot

Die nächsten Tage vergehen wie im Fluge: Von morgens um sieben bis abends um zwölf sind wir voll beschäftigt mit Kochen, Essen, Paddeln, Fotografieren und Fischen. In meinem Tagebuch stehen die erfolglosen Angelversuche nur noch mit "Blinkerbaden" zu Buche. Doch endlich, heute haben wir einmal den richtigen Blinker gesetzt und ziehen innert fünf Minuten drei wunderbare Hechte aus dem Mandanna Creek. Dieser Tag leitet eine neue Ära ein, und von jetzt an verzehren wir regelmässig unsere lieben Kiemenfreunde. An diesem Abend entdecken wir einen erstklassigen Lagerplatz mit Privatstrand. Die Hechte sind schnell ausgenommen, entschuppt und gebraten. Mit Reis an Dill- Zitronensauce geniessen wir das reichliche Mahl. Keinem von uns ist es mehr wohl nach zwei Pfund Fisch pro Person, und so legen wir uns in den Badehosen an den Beach. Jeden Abend, bevor es in die Schlummertüte geht, müssen wir unsere Nahrungsmittel mindestens fünfzig Meter von Zelten und Kanus deponieren, da wir in Bärengebiet sind. Noch besser wäre, alles in die Bäume zu hängen. Doch leichter gesagt als getan: Unser Proviant wiegt zirka 150 Kilogramm und dazu sind meistens die Bäume zu schwach. So begnügen wir uns mit der einfacheren Methode und hoffen, dass die Bären nicht allzu hungrig sind...
Da nun das Schmelzwasser aus den Bergen einsetzt, steigt der Wasserstand dramatisch an und überschwemmt weite Teile der Uferlandschaft. So hatten wir in den letzen Tagen grosse Mühe, geeignete Lagerplätze zu finden. Auch heute suchen wir bis neun Uhr Abends und müssen uns wohl oder übel mit einem Felsvorsprung begnügen. Den Zeltplatz kann man keinenfalls als flach bezeichnen, dafür ist er trocken. Andreas probiert eine vermeintlich innovative Brotbacktechnik aus: Unser Kochtopf wird mit Steinen ausgelegt und mit Alufolie ausgekleidet. Nun kommt der Teig rein und Deckel drauf. Resu feuert was das Zeug hält, und nach dreissig Minuten haben wir das "perfekte Brot". Wir sind alle hell begeistert, und Res erntet viel Lob. Doch die Freude hält nicht lange: Der Emailleboden unseres Topfes hat sich aufgelöst und die Steine kleben wie angeleimt, als ich sie entfernen will. Nun ja, nach etlichen "Man hätte doch wissen sollen" und Ähnlichem, ziehen wir uns in unsere Zelte mit Hanglage zurück und träumen von schöneren Dingen...

Teig in der PfanneImprovisierter BackofenBrot in der Pfannefertiges Brotalternatives Brotbacken

Über Gold und Moskitos

Ein Blick auf die Flusskarten bestätigt, dass wir heute die berüchtigten Five Finger Rapids vor uns haben. Während des Goldrausches zerschellten hier dutzende von Dampfern und Booten. Um flussaufwärts durch die Stromschnellen zu kommen, hatte man für die grossen Schiffe eine feste Seilwinde installiert, deren Überreste noch zu sehen sind. Fünf grosse Felsen ragen aus dem Wasser, und wir haben gemischte Gefühle, als wir uns die Situation vom Land her anschauen. "Die Passage ganz rechts müsst ihr nehmen, sonst kommt ihr nicht durch", hat uns in Whitehorse jemand auf den Weg gegeben. Von oben sieht alles ganz harmlos aus, und nach einer letzen Kontrolle unserer Ausrüstung fassen wir uns ein Herz. Ich sitze hinten, mein Bruder vorne, mit dem Gesicht zu mir gewandt, um diese Momente auf den Film zu bannen. Ich denke die ganze Zeit: Nur nicht quer reinkommen, nur nicht quer reinkommen. Lange zum Nachdenken bleibt mir nicht, schon erfassen uns die ersten Wellen. In einem wilden Ritt gehts durch die tosenden Wogen, das Wasser spritzt uns in die Gesichter, und schnell sind wir durchnässt. Andreas knipst, ich rudere wie ein Verrückter. Viel zu schnell ist dieser Heidenspass zu Ende. An Land wechseln wir die nassen Kleider, und schöpfen das Wasser aus den Kanus.

Die ersten Häuser von Dawson City tauchen auf. Wir stellen uns vor, wie das wohl vor über hundert Jahren war: 30000 Goldsucher in einer riesigen Zeltstadt, dutzende von Saloons und Bordellen, Schiessereien, schlammige Strassen, Mord und Betrug. Irgendwie sind wir froh, erst jetzt hierherzukommen, denn so können wir uns eine warme Dusche gönnen, das sympatische Städtchen geniessen und die Kleider waschen. Uns zieht es natürlich am Abend zur Diamond Tooth Gerties Gambling Hall, dem einzigen legalen Spielcasino in Kanada. Hier ist die Hölle los mit Black Jack, Roulette, Poker und den berühmten Can Can Girls.
Tags darauf besorgen wir uns Goldwaschpfannen, um unser Glück im Bonanza Creek zu versuchen. Wir treffen Paul Mahoney, einen alten Goldgräber wie er im Buche steht. Er erlaubt uns, auf seinem Claim die Kunst des Goldwaschens zu erlernen: "Nein, nein, nicht so. Halt die Pfanne steiler. Nicht soviel Wasser, du verlierst ja alles Gold!" So ähnlich tönt es eine zeitlang, bis wir den Dreh raushaben und tatsächlich Goldflitter finden. Den ganzen Tag sind wir am Goldwaschen, und am Abend meint Bernd trocken: "Mit dem gefundenen Gold kann ich mir ja nicht mal den Chiropraktiker bezahlen!".

Paul MahoneyGoldChristian beim GoldwaschenPaul Mahoney lehrt uns die Kunst des Goldwaschens

Am Abend statten wir noch der Bar des Eldorado Hotels einen Besuch ab. Wir hofften dort Captain Dick Stevenson anzutreffen, den Begründer des legendären Sourtoe Cocktail Club. Damals war noch das Eldorado Hotel Clublokal bevor ins Downtown Hotel gewechselt wurde. Eine Mitgliedschaft sollte aus uns Cheechakos (Greenhorns) echte Sourdoughs machen. Captain Dick war aber in Urlaub, so dass wir diese Angelegenheit verschieben müssen.

Fressen und gefressen werden

"Hallo, hallo, ça va?", tönt es von hinten, und der Sprecher dieser Worte ist niemand geringeres als Laurent mit seinem roten Kajak. Wir haben uns sehr viel zu erzählen, und darum beschliessen wir, für einige Tage zusammen zu bleiben. Es ist sehr amüsant, unsere bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen. Wir diskutieren bis tief in die Nacht an unserem Lagerfeuer. Wir machen jeden Tag Treffpunkte ab, denn Laurent ist um etliches schneller in seinem Gefährt. Heute ist es das verlassene Biedermans Camp. Eine Meile vor dem Camp entdecken Bernd, Andreas und ich zwei Elchkälber, die am Ufer liegen. Bei der genaueren Erkundung stellt sich heraus, dass sie höchstwahrscheindlich über die steilen Felsen abgestürzt sind. Eines lebt noch, doch hat es beide Vorderläufe gebrochen. Es sieht uns mit seinen traurigen Augen an, wie um uns zu sagen: Helft mir!
Mein Bruder und ich verlassen diesen beklemmenden Ort und treffen Laurent wie abgemacht. Aber wo ist Bernd? Zu dritt, bewaffnet mit Laurents Flinte, marschieren wir zurück. Wir finden Bernd, mit seinem Messer in der Hand, beim Elchschlachten. Wir packen alle zu, um das Kalb zwischen zwei Bäume zu hängen. Nun stellt sich die Frage, wie das Ausnehmen am Besten bewerkstelligt wird, denn keiner von uns ist je über ein Fischeausnehmen herausgekommen. Wir sagen uns, dass es wohl nicht viel anders sein kann, und gehen an die Sache ran. Nach zwei Stunden harter Arbeit mit Jagd- und Schweizer Offiziersmessern, sind wir stolz auf unser Werk. Wir beladen Bernds Kanu mit dem sauber präparierten Braten und machen uns davon. Kurz darauf campieren wir auf einer Insel, und richten uns ein. Leider regnet es, und unsere Grillparty findet grösstenteils unter der gespannten Plane statt. Es wird eine riesige Feuerstelle gebaut und tüchtig eingeheizt. Unser zwei Meter langer Braten ist schon zwei Stunden über dem Feuer, als uns das Holz ausgeht. Die ganze Insel haben wir abgegrast, aber Brennbares lässt sich nicht mehr finden. So essen wir den ersten Teil des Elches als Kebab; der zweite wird als Schnitzel in der Bratpfanne fertiggebraten. Nach wochenlanger "Fischdiät" feiern wir eine wilde Fleischorgie! Diese Erfahrung setzt neue Massstäbe für künftige Kochbuchautoren: "Man nehme als Menu für vier Personen einen ganzen Elch..." Erst einige Tage später wird uns bewusst, dass unsere Aktion als Wildern bezeichnet werden könnte, und für dieses Vergehen gibts bis zu zwei Jahre Gefängnis. Wir sind uns aber alle vier einig, dass unser Handeln dem Elchkalb ein langes Leiden erspart hat und wir mal wieder zu einem Happen Fleisch gekommen sind.

ElchkalbDie SchlachtungElch am SpiessEndlich wieder Fleisch!

Inselgewirr der Yukon Flats

29. Tag auf dem Fluss, steht in meinem Logbuch. Wir brechen von Circle City auf. Eine neue Herausforderung steht uns bevor: Die Yukon Flats! Hier breitet sich der Yukon River auf etwa zwanzig Kilometer aus. Die nächsten zweihundert Kilometer wird uns der Kompass ein treuer Begleiter sein, um den Weg durch dieses Inselgewirr zu finden. Heute, wie schon oft, legen wir eine Nachtfahrt ein. Die Zeit zwischen Sonnenunter- und aufgang kann zwar fast nicht als Nacht bezeichnet werden, denn es wird nie ganz dunkel. Bis vier Uhr früh schaukeln wir durch dieses Vogelparadies. Wir lauschen den unzähligen Vogelstimmen, doch sieht man hier, im gössten und wichtigsten Vogelbrutgebiet Nordamerikas, praktisch kein Federvieh vom Kanu aus. Die Stimmung ist gewaltig: Um Mitternacht verschwindet der rote Feuerball langsam hinter dem Horizont, um eine Stunde später wieder aufzutauchen. Sonnenunter- und aufgang so nah zusammen - dass habe ich noch nie erlebt!
Drei herrliche Tage sind vorbei, als wir Fort Yukon erreichen. Die grösste Indianeransiedlung am Yukon liegt knapp über dem Polarkreis. Runde 1500 Kilometer haben wir hier, am nördlichsten Punkt unserer Reise, hinter uns gebracht. Wie in allen Ansiedlungen sind wir sehr vorsichtig, denn viele Athabasken sind häufig betrunken. Alle "naitive people" erhalten nämlich eine Rente vom Staat, Kinderzulagen und Nahrungsmittelmarken und halten es nicht mehr für nötig, einer Arbeit nachzugehen. Der Alkohol erledigt den Rest, und so passt immer einer auf die Ausrüstung auf. Ein kühles Klima schlägt einem entgegen, wenn man durch die Strassen spaziert. Zwar wird gegrüsst, doch merkt man schnell, dass man als Weisser nicht sonderlich willkommen ist. Sie haben es noch nicht vergessen, wie man sie vor mehr als hundert Jahren behandelt hat. Viel Land wurde ihnen weggenommen, Massaker angerichtet, oder sie starben an den unbekannten, importierten Krankheiten der Weissen. Irgendwie sind die Reaktionen der Ansässigen zu verstehen, doch sollten sie langsam die Dinge akzeptieren wie sie sind und das Beste daraus machen...
Nachdem wir Provianteinkauf, Post und Wäsche erledigt haben, hält uns nichts mehr hier. Wir tauchen wieder ein in die einsame Welt der "Flats". Immer auf der Suche nach dem Hauptarm, sind wir manchmal unsicher, welchen der unzähligen Kanäle wohl der Beste ist. Langsam wird es eintönig: Immer die gleiche Landschaft, flach, Insel an Insel gereiht, schier endlos bis an den Horizont.

Lachse, Lachse, Lachse

Froh, nun endlich die Yukon Flats passiert zu haben, verändert sich die Landschaft stark. Der Yukon bildet einen Wasserlauf von sechshundert Metern Breite und führt uns wiederum in die Berge.
Unsere Angelrute wurde von irgendwelchen Indianerkindern stibitzt, so müssen wir mal wieder ohne Fisch auskommen. In einem verlassenen Fischcamp entdecken wir ein altes Fischernetz. Bernd und ich haben die gleiche Idee. Warum nicht? Schnell werden unsere zwei Kanus mit langen Ästen zu einem Katamaran zusammengebunden. Das Netz spannen wir, mit einigen Steinen beschwert, dazwischen. Nur nicht vom "Fish and Game" oder dem State Trooper erwischen lassen! Stundenlang durchkämmen wir die aussichtsreichsten Stellen in einem Creek, bis es uns zu blöde wird. Das Netz wird seiner letzten Bestimmung zugeführt und die Aktion abgebrochen.
Die ersten bewohnten Fischcamps tauchen auf, und so wissen wir, dass die Lachssaison eröffnet ist. Hier findet man noch die "richtigen" Indianer, die vom Fischfang leben. Klar besitzen alle ein motorisiertes Boot, tragen Jeans und kennen Coca Cola und Mc Donalds. Doch treffen wir ausnahmslos liebenswerte Menschen, die uns gerne mal einen Lachs abgeben. Von Juni bis September leben ganze Familien in den Camps, um ihre jährliche Ration an Lachs zu fangen und zu räuchern.
Noch immer ranken sich Geheimnisse um diese Fischart, wie sie jedes Jahr zurück zu ihrem Geburtsort finden. Nach drei bis vier Jahren im Salzwasser der Meere schwimmen sie die Flüsse hoch, um ganz genau an ihrer Geburtsstätte zu laichen und zu sterben. Ein ewiger Kreislauf von Leben und Tod. Ist es der Instinkt, der die Tiere treibt, der Geruchssinn, der ihnen den Weg zeigt? Den Athabasken ist es egal. Schon seit Jahrtausenden warten sie jedes Jahr auf das wiederkehrende "rote Gold".

FischfangradFischfangrad

Das Lied "I'm Singing in the Rain" geht mir durch den Kopf, doch ist es mir nicht ums Singen zumute. Seit frühmorgens regnet es in Strömen, und langsam merke ich, wie sich das Wasser seinen Weg durch die Regenkleidung bahnt. Ein Fischer in seinem Boot hat Erbarmen mit uns und lädt uns zu sich ein. Wir sind Bill sehr dankbar, und fühlen uns in trockenen Kleidern schon viel besser . Drei Tage verweilen wir hier und helfen Bill und seiner Familie bei der täglichen Arbeit. Um ein Fischfangrad und mehrere Netze müssen wir uns kümmern. Das Fangrad ist eine geniale Konstruktion. Auf einem Floss ist eine Achse mit drei riesigen Körben montiert. Durch die Strömung angetrieben, schaufeln diese alle vorbeischwimmenden Fische raus und bugsieren sie in seitlich angebrachte Kisten. So können wir, nur morgens und abends, die Beute abholen. Auch die Netze werden zweimal täglich kontrolliert. Die Königslachse werden sorgfältig filetiert, zu Streifen geschnitten und in die Räucherkammer gehängt. Die Eingeweide und Abschnitte der Fische werden den über zwanzig Schlittenhunden, die den Sommer im Camp verbringen, verfüttert. Andere Fische wie Weissfisch, Hecht oder minderwertige Lachssorten, trocknet und lagert man, um dann im Wiinter als Hundefutter zu dienen.
Heute beginnt der kommerzielle Fischfang, der genau vorgeschriebene 36 Stunden dauert. In dieser Zeit versucht jeder Fischer in diesem Distrikt, soviel zu erbeuten wie möglich. Für zwei Dollar fürs Kilo Königslachs werden die Schuppentiere an den Fischkäufer aus der Stadt verkauft. Unserem Distrikt Nummer fünf sind dieses Jahr 2800 King Salmon zugewiesen. Diese Zahl wird jährlich vom Department of Fish and Game neu festgelegt. Den Rest der Saison darf dann nur noch für den Eigenbedarf gefischt werden. Petri Heil!

Mammut

Nach der herzlichen Verabschiedung von Bill, Cathy und den Kindern sind wir wieder auf uns alleine gestellt. Im Bewusstsein, dass in unseren Proviantfässern einige Kilos getrockneter Lachs lagert, die uns Bill mitgegeben hat, lässt sich beruhigt paddeln. Die Mutter Erde meint es gut mit uns. Die Sonne strahlt, Elche geniessen das saftige Gras an den Ufern, und die Büsche und Sträucher glitzern vom Morgentau. Das Weidenröschen entfaltet zu dieser Jahreszeit seine ganze Pracht. Riesige rosarote Felder der Yukon Nationalblume leuchten uns entgegen. Die Einheimischen haben dieser Blume den Namen "Fireweed" gegeben, da sie nach Waldbränden die erste Pflanze ist, die die Landschaft wieder belebt.
Von unseren Kanus springen wir in das kühle Nass. Ich binde mir die Schleppleine um den Bauch und schwimme für einige Kilometer mit. Das Wasser hat eine angenehme Temperatur von ungefähr 17 Grad, einiges wärmer als noch zu Beginn unserer Reise, als wir unser tägliches Bad bei 4 Grad geniessen mussten. Heute passieren wir die zweite und letzte Brücke,die sich über den Yukon spannt. Mit ihr überquert auch die Ölpipeline den Fluss. Wie ein monströser Wurm schlängelt sie sich von der Prudhoe Bay im Norden bis nach Valdez im Süden. Auf ihrem 1280 Kilometer langen Weg überquert die Rohrleitung über 800 Flüsse und Ströme. 554 Tierübergänge wurden erstellt, um vor allem den riesigen Karibuherden den Wildwechsel zu erleichtern.
Widerlicher Verwesungsgestank schlägt uns entgegen. Wir sind bei den "Palisades", einer kilometerlangen Steilwand, bei den Ortsansässigen als "Boneyard" bekannt, angekommen. Ganze Mammute mit Fleisch und Knochen sind hier schon gefunden worden. Jeden Frühling gibt der Permafrost neue archäologische Funde frei. Mit lautem Getöse brechen immer wieder aufgetaute Erdmassen in die Tiefe. Wir sind hin und her gerissen. Sollen wir unserem Erkundungsdrang nachgeben und näher an die Abbrüche ranfahren? Uns ist es mulmig zumute. Wir denken über haarsträubende Geschichten nach, die uns ein Trapper erzählt hat. Auf der Jagd nach dem Elfenbein der Stosszähne seien schon viele Männer ums Leben gekommen. Wir entscheiden uns für eine sichere Distanz und lassen nur unsere Nasen die Neugierde befriedigen.

Wolf Hebel

Einige Tagesetappen später treffen wir in Ruby auf Wolf Hebel. Der gebürtige Deutsche lebt seit über zwanzig Jahren in diesem kleinen Nest. Als Trapper, Fischer, Privatdetektiv und wissenschaftlicher Assistent an der Uni Fairbanks hat er sich durchs Leben geschlagen. Im Laufe der Zeit hat er seine künstlerische Ader entdeckt. Sein selbstgebautes Haus ist vollgestopft mit Schnitzereien und Malereien. Wolfs Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Aus fossilen Knochen, Mammutelfenbein und Elchgeweihen zaubert er wunderschöne Sachen hervor. Vom kleinen Mammut für den Setzkasten bis zur riesigen Bodenvase aus einem prähistorischen Knochen findet man alles. Seine Stücke sind bis ins letzte Detail ausgearbeitet, und es macht Spass, durch die Zimmer zu stöbern. Wir fragen ihn Löcher in den Bauch, wo er seine fossilen Sachen findet. Er gibt uns einige Tips. Voll Tatendrang machen wir uns zu Fuss auf den Weg. In der von Wolf beschriebenen Aussenbiegung eines Baches stossen wir tatsächlich auf versteinerte Mammutzähne. Teilweise haben sie ein Gewicht von mehreren Zentnern, darum begnügen wir uns mit den kleineren Stücken. An einer anderen Stelle entdecken wir verschiedene Knochen, und ich finde sogar ein Überbleibsel eines Mammutstosszahnes. Schade, dass das Stück ziemlich verwittert ist. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, all diese Sachen in den Händen zu halten, und sich vorzustellen,dass vor 50`000 Jahren diese gigantischen Tiere hier noch friedlich geäst haben...

Die Lebensgeschichte von Wolf Hebel: Auf der Suche nach Freiheit

Bernd mit Mammutstosszahn ElfenbeinMammut-SchnitzereiMammut

1. August

"Trittst im Morgenrot daher"; nein, soweit ist es nicht gekommen. Bernd hat seine ganze Brotbackkunst in die Waagschale geworfen und uns Eidgenossen ein Erst-August-Brot gebacken. Mit Kakaopulver hat er das Brot eingefärbt, so dass man das, aus hellem Teig hergestellte Schweizerkreuz, als Kontrast gut erkennt.
Durch einen schmalen Durchschlupf haben wir diesen romantischen Platz am kleinen Kakolake entdeckt, und so haben wir uns hier für einige Tage niedergelassen. Nach dem Festmenu, Rösti, Curryrührei und Löwenzahnsalat geniessen wir die selber gesammelten Blaubeeren mit einer Vanillecreme. In einem Fresspäckli, das ich vor einigen Tagen erhalten habe, lagen neben Tobleronen und Knorrsaucen mehrere Zuckerstöcke und Raketen. Nun warten wir die Dunkelheit ab. Neben dem wärmenden Lagerfeuer zünden wir das Feuerwerk. Mitten in der Wildnis Alaskas so etwas! Was wird wohl der Bär denken, der uns vielleicht durch die Büsche beobachtet? Oder die frechen Erdhörnchen, die uns immer Gesellschaft leisten? Sie werden einer Meinung sein und sich sagen: "Die spinnen, dieTouristen!"
Auf der topografischen Karte ist sechs Meilen nördlich eine verlassene Goldmine eingezeichnet. Eine mit Bulldozern in die Landschaft gehauene Waldschneise führt dorthin. Nach einer dreistündigen Wanderung erleben wir eine grosse Überraschung: Die Mine ist keineswegs verlassen. Tiefe Einschnitte in die Erde, riesige Wasserauffangbecken und eine mächtige Goldwaschanlage zeugen von ihrer Tätigkeit. Erst jetzt erreichen wir über eine Schotterpiste, die auch als Start- und Landebahn dient, die kleine Ansiedlung. Dave, seine Familie und seine Mitarbeiter staunen nicht schlecht über uns. Nicht jeden Tag kommt solch "exotischer Besuch" nach Kako und das erst noch zu Fuss! Vor zehn Jahren hat der ehemalige Pfarrer Dave diese Mine gekauft und wieder aufgebaut. Und wie! Zehn Gebäude hat es, einen Hangar, ein Sägewerk, das Generatorenhaus, das Goldlabor und etliche Wohnhäuser. Zwei Cessnas und ein Ultraleichtflugzeug stehen hinter einem Schuppen. Sein Sohn Jonathan hat sich seine eigene Motocrosspiste auf den Kieshügeln der Mine präpariert. Fast zwanzig Personen sind wir beim Abendessen im Gemeinschaftshaus, zu dem wir eingeladen sind. Elch- und Karibufleisch, Kartoffelgratin, Gemüse, Salat, alles im Überfluss, und wir greifen tüchtig zu.
Bei leichtem Regen machen wir mit Dave einen Rundgang durch sein Reich. Vorallem die Golddredge interessiert uns. Als einzige im Yukongebiet arbeitende Anlage mit einem geschlossenem System muss sie in nur zwei Monaten, den Jahresverdienst rausschlagen. Auf meine neugierige Frage, wie gross der Ertrag sei, meint Dave ausweichend: "Die jährliche Treibstoffrechnung beträgt 70`000 Dollar, also müssen wir etwas mehr als 100`000 Dollar verdienen..." Im Goldlabor wird das mit Gold angereicherte Sandgemisch aus der Waschanlage, voneinander getrennt. Das gelbe Metall wird zu kleinen Barren geschmolzen und nach Fairbanks zum Goldkäufer geflogen.
Vor allem im Winter betreibt Dave mit gleichgesinnten Leuten eine Art christliches Begegnungszentrum. Viele Eskimos kommen für einige Tage oder Wochen hierher, um einmal ein bisschen Abstand zu ihrem Alltagsleben zu bekommen. So auch Moses, seine Frau Martha und die Kinder Wayne und Aaron. Sie verbringen das Wochenende hier, und wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir sie später wieder treffen werden... Da es stark regnet verbringen wir die Nacht in Kako. In einem richtigen warmen und kuscheligen Bett schlafe ich nach diesem ereignisreichen Tag schnell ein.

Eskimo

Uns zieht es wieder weiter. Bei leichtem Regen legen wir den Rückweg zurück. Wir sind froh, am Nachmittag unser Camp noch so vorzufinden wie wir es verlassen haben. Nun schon im Einzugsgebiet des feuchten Küstenklimas, packen wir unsere Sieben Sachen zusammen. Der See liegt ruhig da, doch sind wir uns nicht sicher, wie es auf dem Yukon aussieht. Wir verlassen den windgeschützten Kakolake und paddeln auf den offenen Fluss. Nach der ersten Kurve erfasst uns der böige Wind und wie im Lift geht es die Wellen rauf und runter. Es sind ja nur fünf Meilen bis Russian Mission; im Normalfall ein bisschen mehr als eine Stunde. Aber es ist nicht Normalfall! Wir quälen uns stundenlange durch die Brecher, einige Male knapp am Kentern vorbei, doch glücklicherweise werden wir nur von oben nass! Anhalten und Ausruhen ist schier unmöglich, denn auf unserer rechten Seite befinden sich felsige Steilufer. Den Fluss zu überqueren wäre ein fataler Fehler, da sich in der Flussmitte die Wellen meterhoch auftürmen! Total erschöpft erreichen wir nach vier langen Stunden endlich die ehemalige russische Ansiedlung.
Ich öffne die Tür zum Lebensmittelladen und stosse fast mit einem Eskimo zusammen. Aber ihn kenne ich doch! "Hi Moses, how are you?" Was für ein Zufall. Moses Gabrieloff, den wir in Kako kennengelernt haben, lädt uns zu sich nach Hause ein. Den ganzen Nachmittag verbringen wir in seiner warmen und trockenen Stube. Während unseren Gesprächen schauen wir immer wieder aus dem Fenster, ob der Regen bald aufhören wird. Doch im Gegenteil, es schüttet immer heftiger, und verwandelt die Strasse vor dem Haus in eine Schlammpiste. Martha und Moses bestehen darauf, dass wir über Nacht bleiben. Die Kinder sind begeistert, denn so können sie noch länger mit uns herumtollen. Am späteren Abend fragt uns Martha: "Do you know Eskimo-Icecreme?" "Nein, was ist das?" fragen wir. "Habt ihr Lust es auszuprobieren?" Natürlich haben wir, und sogleich macht sich Martha ans Werk, uns eine riesige Schüssel Eskimoeis zuzubereiten. Schon vorbereiteter, gekochter und pürierter Lachs, knetet sie mit Zucker und einem bisschen Speiseoel zu einer geschmeidigen Masse. Fast eine halbe Stunde rührt und bearbeitet sie mit blossen Händen den Fisch. Nun gibt sie die gleiche Menge Blaubeeren dazu und vermischt es vorsichtig. Noch oben flachstreichen und ab ins Eisfach. Zwei Stunden des Wartens sind vorbei, als wir uns über das Eis hermachen. Nach einem ersten, vorsichtigen "Versuecherli", langen wir kräftig zu. Der nicht aufdringliche Lachsgeschmack passt ausgezeichnet zu den Blaubeeren. Das "Lachs- Heidelbeeren- Mousse" schmeckt einfach herrlich. "Guayana" stossen wir zwischen ein paar Löffeln der Delikatesse hervor. Das ist so ziemlich das einzige Wort in Yupik, das wir kennen und es bedeutet Danke.
Am nächsten Morgen hat der Regen nachgelassen, und wir machen einen Dorfbummel durch die erste Eskimosiedlung am Yukon River. Der frühere russische Einfluss ist nur noch an der Kirche zu sehen. Das russisch-orthodoxe Gotteshaus mit seinen typischen Zwiebeltürmchen steht auf einer Anhöhe. Da Moses` Vater, Gabriel Gabrieloff, hier Pfarrer war, kann Moses den Schlüssel organisieren und uns eine Privatführung geben. Neben herrlichen Ikonen bestaunen wir vorallem die Bibel, mit ihren Buchdeckeln aus purem Gold. Silberne Kelche, Statuen, herrliche Teppiche an Wänden und Böden und die schummrige Beleuchtung geben diesem Ort eine einzigartige Ausstrahlung.

Ankunft in Alakanuk

8. Regentag. Wir fluchen und wünschen dieses nasskalte Regenwetter zum Teu... So nass wie wir unsere Zelte diesen Morgen eingepackt haben, stellen wir sie wieder auf. Das Auf- und Abbauen des Camps bei Regen ist so eine Sache: Sollen wir zuerst die Plane spannen oder die Zelte aufstellen? Beim ersteren kann man die Zelte im trockenen aufstellen, doch werden die sonst mit dem Plastik abgedeckten Sachen im Kanu nass. Umgekehrt im zweiten Fall saugen sich die Innenzelte voll mit Wasser, aber die restliche Ausrüstung bleibt trocken. In welcher Reihenfolge auch immer, irgendetwas wird dem Regen ausgesetzt, und so haben wir uns ein immenses Campaufbau-Tempo angeeignet. Das tägliche Feuermachen ist zu einer halbstündigen, wissenschaftlichen Arbeit ausgeartet. Mit viel, viel Geduld, getrockneter Birkenrinde und gutem Zureden bringen wir unseren Kochherd aber immer in Gang.
Der Gedanke an unser Zelt verdirbt mir noch den Rest der "guten Laune". Seit vier Wochen sind beide Moskitonetze defekt, und so hatten Andreas und ich etliche unruhige Nächte! Wir konnten uns zwar nicht über mangelnde Gesellschaft beklagen, doch wird der Zelthersteller, den ich an dieser Stelle nicht nennen will, einiges zu hören bekommen. Spätestens, wenn wir mit einer heissen Suppe unter der Plane sitzen, entspannen sich unsere Gesichtszüge, und wir sind wieder für Spässe aufgelegt.
Unser immer wiederkehrendes Problem mit dem Fischen haben wir nun endgültig gelöst: Sobald wir ein gespanntes Fischernetz im Fluss entdecken, rudern wir mit kräftigen Paddelschlägen hin und bedienen uns. Wie auf dem Fischmarkt haben wir die Wahl. Heute mal ein Hecht, Weissfisch oder Äsche gefällig? Oder gar ein Coho Salmon, oder ein Chum Salmon oder...? So macht Fischen Spass und die Besitzer werden sicherlich ein Auge zudrücken.
Noch hundert Kilometer. Die letzten Berge haben wir schon vor Tagen hinter uns gelassen, und die Landschaft wird flacher und flacher. Der Yukon ist inzwischen zu einem mehrere Kilometer breiten Strom angeschwollen, ohne Inseln, nur Wasser, soweit das Auge reicht. Man hat das Gefühl, auf dem Meer zu sein, und ich komme mir sehr winzig vor.
Seit Wochen haben wir nichts von Laurent gehört, doch heute treffen wir Leute aus Alakanuk, die uns erzählen, dass er schon angekommen sei. Einerseits sind wir neidisch auf ihn; er hat es schon geschafft und sitzt im Trockenen. Anderseits geniessen wir dennoch die letzten Tage auf unserem Fluss. Wir können uns nicht vorstellen, wie es sein wird ohne die Schulterschmerzen nach einem langen Tag, und die stillen Abende am Lagerfeuer weit ab jeglicher Zivilisation.
Heute stehen wir auf im Bewusssein nur noch sechs Meilen vor uns zu haben. Keiner will so recht vorwärts machen; jeder will das Ende unserer Reise hinauszögern. Doch es ändert sich nichts an der Tatsache. Nach den allerletzten zwei Stunden erreichen wir Alakanuk an der Beringsee. Ich glaube, insgeheim zerquetscht jeder von uns Dreien eine Träne als wir die Kanus das achzigste und letzte Mal aus dem Yukon ziehen.
Doch halt, die Story ist noch nicht zu Ende. Eine weitere kleine Odysee fängt erst an. Mit genau 9 Dollar 37 Cents und Nahrunsmittel für einen Tag sind wir hier eingetroffen. Neben dem City Office, auf einem verwilderten Platz, wo die ehemalige Kirche stand, richten wir uns ein. Am Abend investieren wir ganze 6 Dollar für eine Fiddel-Dance-Veranstaltung, in der Hoffnung, einige Kaufinteressenten für unsere Kanus zu finden. Interessiert sind einige, doch Konkretes kommt nichts zu Stande.
Da unser Nachbar, ein Eskimo mit sieben Kindern, am nächsten Tag bemerkt, dass wir kein Feuer machen, kombiniert er folgerichtig: Kein Feuer, kein Essen. Er erkundigt sich, ob wir was brauchen. "Ja, so ein frischer Fisch vielleicht..." Nach einer Stunde taucht er mit einem riesigen "Carepaket" wieder auf. Wir sind sprachlos und wissen nicht wie wir ihm danken sollen. Das ganze Dorf weiss mittlerweile Bescheid, und so erhalten wir fast täglich von verschiedenen Leuten frischen Lachs und andere Nahrungsmittel. Es ist ziemlich "skurril": Wir drei "reichen" Europäer, die sich vier Monate Ferien in Alaska leisten, werden von der ganzen Dorfbevölkerung unterstützt und durchgefüttert. Die spontane Hilfsbereitschaft dieser Menschen ist fantastisch. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Wie wäre wohl diese ganze Situation in der Schweiz...?

Letzte Tage

An einem der seltenen schönen Abende fahren wir mit Jake und seinem Boot auf die Beringsee. Wir sind nicht die Einzigen, zwanzig andere Boote machen schon Jagd auf einen Seehund. Mit traditionellen Speeren und Harpunen werden die Tiere erlegt. Zuerst wird das Opfer mit einem Markierspeer getroffen. Die Speerspitze bleibt stecken und löst sich vom Schaft. Dieser wiederum ist durch eine drei Meter lange Schnur mit der Spitze verbunden und schwimmt somit auf der Wasseroberfläche. Also, nur nach dem Speerschaft Ausschau halten! Alle Boote tuckern kreuz und quer umher, auf der Suche nach der Markierung. "Hier, hier", tönt es von dort drüben. Zwanzig Motoren heulen auf, ein Geschrei, und sicher dreissig Harpunen zischen durch die Luft. Nach dutzenden solcher Versuche erwischen sie den Seehund doch noch. Bei einer solch kleinen Beute erhält der erste Schütze den Fang. Ist es eine Robbe oder ein Belugawal, wird er brüderlich zwischen den vier Erst-Treffenden aufgeteilt. Nur den Inuits ist es erlaubt für den Eigenbedarf diese Meeressäugetiere zu jagen.
Nach fünf Tagen des Ausharrens auf der schon fast legendären Kirchenbank, können wir endlich die Kanus verkaufen. Den Teil der Ausrüstung, den wir nicht mitnehmen können, verschenken wir unserem Wohltäter.
Es kann sich nur noch um Minuten handeln bis unser kleines Flugzeug vom "Alakanuk Airport" abhebt. "Alles verstaut?" Mit der total überladenen Cessna erleben wir einen rumpligen Start. Mark, unser Buschpilot zieht eine letzte Schleife über dem mächtigen Yukon-Delta, und, wie um sich zu verabschieden, wippt er nochmals mit den Flügeln.

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