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Begegnungen in Lappland

Jakobsweg-Karte Europa

© Text und Fotos: Andreas Zimmermann

Literatur zum Einstimmen:
NATIONAL GEOGRAPHIC: Lappland - Das Alaska Europas

Empfehlenswerter Reiseführer:
Lappland: Schweden, Finnland, Norwegen mit Lofoten und Vesterålen

Rentierzüchter

Mit einem fröhlichen "Hei" werde ich von Karen Anna begrüsst. Mit ihrer farbenfrohen Samentracht steht sie vor mir und begrüsst mich herzlich. Das ist also meine "Schlummermutter" für die nächsten drei Wochen. Etwas ausserhalb von Hetta, im Herzen Lapplands, liegt das Haus dieser Rentierzüchter - Familie. Ich werde in einem kleinen aber hübschen Zimmer einquartiert. Es ist Ende März und am Wochenende ist die ganze Familie an den Marientagen im Dorf engagiert. Traditionsgemäss sind das wichtige Tage für die Samen. Man trifft sich, pflegt das Brauchtum und auf dem zugefrorenen See werden allerlei sportliche Aktivitäten veranstaltet. Am Freitag morgen geht es früh aus den Federn. Die Kota (Samenzelt) muss auf dem Festgelände aufgestellt werden. Hier wird Karen Anna mit ihren Töchtern die Festbesucher mit samischen Köstlichkeiten verwöhnen. Der Aufbau geht zügig vonstatten und jeder Handgriff sitzt. Kein Wunder, denn diese Zelte werden noch heute viel eingesetzt. Früher lebten die Samen als Nomaden in diesen Behausungen und folgten so den Rentieren auf ihren Wanderungen. Heute sind die Ureinwohner Lapplands mehr oder weniger sesshaft. Dank 4 - Wheeler und Snowscooter können sie jeden Tag schnell grosse Distanzen zwischen den Herden und ihrem Haus zurücklegen.

Vater und SohnSamenfestSamenfest in Hetta

Am Samstag morgen messen sich gross und klein bei minus 15 Grad beim Lasso werfen. Es ist ganz erstaunlich, wie schon Dreikäsehochs ziemlich treffsicher sind. Das Lasso ist ein wichtiges Werkzeug für die Samen und so wird es schon den Kleinsten in die Wiege gelegt...

Während der Lassomeister erkoren wird, laufen die Vorbereitungen für die Rentierrennen auf dem zugefrorenen See auf Hochtouren. Mit grosser Ernsthaftigkeit bereiten sich die Jockeys mit ihren stolzen Rentieren auf diesen prestige - trächtigen Event vor. Immer vier Rentiere laufen auf einem Rundkurs gegeneinander. Auf dünnen Langlauflatten lassen sich die Jockeys von ihren Tieren über das Eis ziehen. Und da die Rentiere ziemlich eigensinnige und manchmal sture Böcke sind, gibt es für die zahllosen Zuschauer viel zu Lachen. Viele der Tiere kommen ohne ihre "Begleiter" ans Ziel, andere benutzen die Freiheit, ihr eigenes Rennen zu laufen, ganz zum Gaudi des Publikums.

RentierrennenRentierrennen

Es ist ein farbenprächtiges Fest, denn fast alle Samen haben ihre schönste Tracht aus dem Schrank genommen. Aus ganz Skandinavien und sogar aus Russland sind sie nach Hetta gekommen, um diese Tage zu feiern. Nach dem Kirchengang am Sonntag heisst es für viele wieder Abschied zu nehmen, mit dem Wissen, sich nächstes Jahr wieder zu sehen...

mit Heu gefütterte SchuheSamenschuheDie Schuhe werden mit Heu isoliert!

Nach dem Trubel des Wochenendes fängt die neue Woche ziemlich ruhig an. Ich fahre mit Markku, dem Mann von Karen Anna, einige Male mit dem Snowscooter zu seinen Rentierherden, um zum Rechten zu schauen.

Es ist ein harter Winter, denn der Schnee bildet eine pickelharte Kruste und die Tiere haben Mühe, sich durchzugraben auf der Suche nach ein paar schmackhaften Flechten. In den nächsten paar Tagen ist die Rentierscheidung geplant. Immer ein paar Familien beteiligen sich gemeinsam an dieser Arbeit. Doch das Wetter will nicht mitspielen. Auf vieles muss geachtet werden. Wind, Wetter und Temperaturen müssen stimmen, um die Tiere mit möglichst kleinem Aufwand in die vorbereiteten Gehege zu treiben.

Nach einer klaren und sehr kalten Nacht ist es endlich soweit. Das Thermometer zeigt minus 25 Grad an. Ich will schon in meine High Tech Schalenschuhe schlüpfen und mich parat machen. Da schüttelt Karen Anna nur den Kopf, nimmt mir meine Fussbekleidung weg und bringt mir traditionelle Samenschuhe. Eigenhändig zieht sie mir diese Schuhe an. Ich glaube nicht, dass meine Füsse diesen kalten Tag überleben werden. Diese "Finken" bestehen nur aus einem dünnen, zusammengenähten Rentierfell. Mit viel Heu stopft Karen Anna sie aus, schnürt sie oben fachgerecht zu, schaut in mein ungläubiges Gesicht und schmunzelt. Um es vorweg zu nehmen; ich hatte noch nie so warme Füsse bei solchen Temperaturen und am liebsten hätte ich diese "Wunderdinger" gar nicht mehr zurückgegeben.

RentierscheidungRentierscheidungRentierscheidung

Mit dem Snowscooter flitzen wir über die tiefverschneiten Fjells und nach einer Stunde treffen wir bei den Gehegen ein. Die Renntierscheidung ist schon in vollem Gang. Hunderte von Tieren befinden sich in den Gehegen und laufen wie paralisiert im Kreis rum. Jetzt kommt das Lasso zum Einsatz. Zielsicher picken sich die einzelnen Züchter ihre Tiere aus der Masse. An den Einkerbungen am Ohr erkennen sie, welche Tiere zu wem gehören. Der ganze Tag wird sortiert und markiert. Nachdem die Schlachttiere von den anderen getrennt sind, werden die erleichterten Tiere wieder in die Freiheit entlassen.

Lauri der Fischer

Nellim ist ein kleines verschlafenes Dorf am Inarisee, ziemlich nahe der russischen Grenze. Eine recht grosse Skoltsamengemeinde lebt hier. Auch Lauri und Maya wohnen hier. Letzten Sommer habe ich die zwei schon besucht. Ich bin mit Lauri und seinem Fischkutter auf den riesigen Inarisee gefahren, um ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu gucken. Grosse Netze hat er an guten Stellen ausgebracht, die natürlich täglich kontrolliert werden müssen. Ganze vier Fische fangen wir. Lauri ist es fast peinlich, doch er grinst nur schelmisch. Da Lauri nur finnisch spricht, erklärt er mir mit Händen, Füssen und meinem Lexikon den Grund dieser Misere. Der Zufluss des Inarisees ist der Patsjoki und der kommt von Russland her. Die Russen betreiben nahe der Grenze ein Flusskraftwerk. Sie drosseln das Frischwasser gerade so wie sie es wollen und so gibt es recht grosse Pegel - Schwankungen, die den Fischlaichen nicht immer gut bekommen.

Lauri der FischerLauri der FischerLauri der FischerLauri

Nun bin ich also wieder hier, mitten im Winter. Was macht wohl Lauri in dieser Zeit? Faulenzen? Mitnichten. Auch bei klirrender Kälte fahren wir raus auf den zugefrorenen See. Mit der Motorsäge schneidet er in grossen Abständen zwei Löcher aus dem Eis. Nun spannt er von Eisloch zu Eisloch seine Netze - eine ziemlich knifflige Angelegenheit. Lauri befestigt das Netz beim ersten Loch und lässt eine mit einem Holzstück beschwerte Leine ins Wasser. Nun muss er das etwa 100 Meter entfernte Loch anvisieren. Das geht natürlich nur, weil Lauri die Strömungen auf "seinem" See sehr genau kennt. Nach mehreren Versuchen erwischt er das Holzstück beim zweiten Loch, Jetzt kann er das Netz mit dieser Leine unter das Eis ziehen. Die Ausbeute ist sogar ein bisschen grösser als im Sommer, doch Lauri nimmt es wie immer gelassen.

Durchgefroren wie wir sind wird zuhause die Sauna eingeheizt. Ein Tag ohne Sauna ist für Lauri kein richtiger Tag. Lauri heizt ein wie ein Verrückter. Mir kommt der Verdacht, dass er vielleicht austesten will, wieviel dieser Schweizer Tourist verträgt. Doch mittlerweilen bin ich schon an diverse Temperaturen gewohnt und ich zucke mit keiner Wimper. Zwischendurch klopft man sich mit den grünen Birkenzweigen ab und geht unter die kalte Dusche. Dieses Spielchen wiederholt sich einige Male und das eiskalte Bier tut auch seine Sache dazu...

Bären an der russischen Grenze

Im Jeep von Lassi Rautiainen fahren wir stundenlang über rumplige Schotterpisten. Unser Ziel ist ein abgelegendes, geheimes Versteck des bekannten finnischen Fotografen. Seit 20 Jahren beobachtet er die majestätischen Bären und hat schon viele grandiose Bilder veröffentlicht. Früher hat er die Bären angefüttert und so hat es sich wohl bei den Braunpelzen rumgesprochen, dass es hier ab und zu etwas zu Fressen gibt. Auch dieses Mal hat er einen Leckerbissen mitgebracht. Viele Bären kommen von Russland her über die Grenze. Ein kleiner Bretterverschlag mit Schiessscharten für die Kamera befindet sich am Rand einer Lichtung. 10 Tage soll ich alleine in diesem Sumpf verbringen... Proviant für zwei Wochen, Kocher und Fotoausrüstung sind schnell ausgeladen. Noch ein paar Tipps von Lassi und schon entschwindet er, mit einer riesigen Staubwolke hinter sich herziehend, mit seinem Jeep in der Ferne. Da stehe ich nun also, im Nirgendwo... vorne der Sumpf und hinten die russische Grenze. Riesige Tafeln warnen in verschiedenen Sprachen vor einer illegalen Grenzübertretung. Ich hoffe nur, dass sich die Bären nicht daran halten...

Die ersten drei Tage vergehen bärenlos. Am Morgen und Abend während der Dämmerung verbringe ich stundenlang in diesem kleinen Kabäuschen. Während des Tages kann ich mich den Umständen entsprechend frei draussen bewegen. Lassi hat mir gesagt, dass die Bären hier sind und mich wohl beobachten, aber erst nach einigen Tagen kommen, wenn sie sich an den neuen Geruch gewöhnt haben. Und so ist es. Am vierten Morgen kommt das erste Exemplar. Vorsichtig hält der Bär seine Nase in den Wind. Man kann es ihm förmlich ansehen, dass ihm noch nicht so wohl in seiner Haut ist. Doch die Neugier ist stärker und er kommt ein bisschen näher. Doch schon das leise Klicken des Auslösers meiner Kamera macht ihn nervös und er verschwindet so schnell wie er gekommen ist. Mir ist ziemlich mulmig zumute, denn der Gedanke, dass dieser Bretterverschlag kein grosses Hindernis für den König des Waldes wäre, ist nicht sehr beruhigend und nichts für schwache Nerven. Doch Lassi fotografiert hier schon seit vielen Jahren und ist auch noch nicht angeknabbert worden...oder?!

BraunbärBraunbärBraunbär

Von jetzt an besuchen mich fast täglich verschiedene Bären. Fünf verschiedene kann ich mittlerweile auseinanderhalten. Akribisch genau führe ich das Hüttenbuch von Lassi, denn es ist wichtig für ihn, welche Bären jedes Jahr wiederkommen. Manchmal tauchen alte Bekannte wieder auf, die sich über Jahre nicht blicken liessen. Eines Abends scheint die Situation zu eskalieren. Zwei Bären kommen sich ins Gehege und schleichen um mein Versteck. Immer enger werden ihre Kreise. Doch glücklicherweise sind sie genug mit ihrem Kontrahenten beschäftigt, als dass sie Notiz von mir nehmen.

Nach zehn Tagen taucht wie abgemacht Lassi wieder auf, um mich aus diesem Mücken - verseuchten Sumpf abzuholen. Auf der einen Seite bin ich ziemlich froh, wieder ein vertrautes Gesicht zu sehen, auf der anderen Seite denke ich schon wehmütig an diese intensiven Tage im Reich des russischen Bären zurück.

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