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Der Sourtoe Cocktail Club

There are strange things done in the midnight sun
By the men who moil for gold;
The Arctic trails have their secret tales
That would make your blood run cold;
The Northern Lights have seen queer sights,
But the queerest they ever did see
Was that night on the marge of Lake Lebarge
I cremated Sam McGee

by Robert W. Service (1874 - 1958)

Robert W. Service aus England wanderte mit 21 Jahren nach Kanada aus, wo er schliesslich eine Anstellung in einer Bank in Dawson fand. In dieser Zeit entstand eine Sammlung von wunderbaren Balladen und Gedichten, welche sich mit der Zeit des Goldrausches am Klondike befassen. Robert W. Service wurde als Barde des Yukon weltberühmt. Eines seiner bekanntesten Werke ist "The Cremation of Sam McGee". Sonderbare Dinge werden da beschrieben, welche sich unter der Mitternachtssonne ereignen, so sonderbar, dass das Blut in den Adern gefriert.

Büchertipp:
Robert W. Service: Under the Spell of the Yukon und Songs of a Sourdough

Wie schon damals, so ereignen sich auch heute noch ausgesprochen merkwürdige Dinge in Dawson. Davon erzählen die nun folgenden Zeilen.

Dawson CityBroadway in Dawson City

© Text und Fotos: Andreas Zimmermann

Im Reisebericht über den Chilkoot Trail habe ich bereits erwähnt woher meine Faszination für die Goldrauschzeit kommt und wie ich zum ersten Mal etwas von Captain Dick Stevenson vernahm. Um genau diesen Captain Dick geht es nun in dieser Geschichte hier.

Dick Stevenson wurde 1929 geboren. Schon früh packte ihn das Reisefieber. Er zog von Ort zu Ort und schlug sich mit verschiedenen Arbeiten durchs Leben. Er arbeitete als Cowboy, Minenarbeiter, Lastwagenfahrer, Holzfäller oder auch als Fischereiaufseher. Verschiedene Versuche, eine eigene Geschäftstätigkeit aufzubauen scheiterten kläglich. Nicht dass seine Ideen schlecht gewesen wären, er war einfach nicht genug Boss. So verkaufte er auch sein Geschäft mit den Sightseeing-Flussfahrten auf dem Yukon River bei Dawson an einen Freund, blieb aber noch einige Jahre als Captain angestellt. In der Folge verlegte er sich darauf, eine öffentliche Person oder ein Original zu werden und riss verschiedene aufsehenerregende Projekte an. So organisierte er den ersten "Nude Beauty Contest" nördlich des 60. Breitengrades oder eine Schneeballschlacht mit über 300 Teilnehmern am 21. Juni, dem längsten Tag. Ein Event, welcher immer noch jährlich stattfindet ist "The Great Klondike International Outhouse Race", ein Rennen durch das Städtchen mit fahrenden Toilettenhäuschen.

Plakat Outhouse RaceOuthouse RaceOuthouse Race

Nächstes "Great Klondike International Outhouse Race": jeweils am Labour Day Weekend

Zur Legende wurde Captain Dick Stevenson vor allem durch den Sourtoe Cocktail Club. Dazu muss ich etwas weiter ausholen:

Es war zur Zeit der Prohibition in den USA (1919-1933). Die Brüder Otto und Louie Liken waren wieder einmal daran Alkohol über die Grenze nach Alaska zu schmuggeln, als sie mit ihrem Schlittengespann auf dem Yukon River in einen Overflow gerieten. Dies ist flüssiges Wasser, welches über dem gefrorenen Eis des Flusses fliesst. Louie zog nasse Füsse raus. Die zwei spürten schon die Northwest Mounted Police im Nacken, so dass keine Gelegenheit war die Schuhe und Socken zu trochnen. Es kam wie es kommen musste. Louie hatte sich den grossen Zeh abgefroren, so dass er amputiert werden musste. Warum einen Doktor bezahlen, wenn man das auch selber erledigen kann? Schnapps hatten sie ja genug für die Betäubung, und Otto erledigte den Rest mit der Axt. Als Erinnerung an dieses Abenteuer haben die zwei den Zeh in einem Marmeladenglas voller Alkohol eingelegt.
Es war 1973 als Captain Dick Stevenson die Hütte der Liken's erwarb und bei Reinigungsarbeiten auf eben dieses Marmeladenglas stiess. Was macht man mit einem alten verschrumpelten mumifizierten Zeh, einem Erbstück sozusagen? Bei einer Zecherei mit Freunden im Eldorado Hotel erinnerte er sich an die Ballade von Robert W. Service mit dem Titel "The Ballad of the Ice-Worm Cocktail" (Robert W. Service: Collected Poems). Warum also nicht einen Drink kreieren mit einem mumifizierten Zeh anstelle eines Eiswurms? Das war die Geburtsstunde des Sourtoe Cocktail Club. Um Mitglied zu werden wird der Zeh in ein hochprozentiges Getränk nach Wahl befördert, welches daraufhin ausgetrunken werden muss. Der Zeh soll dabei die Lippen berühren. Kosten dieses Spasses: 5 Dollar Toe-Tax plus der Preis des Getränkes.

Grabstein der ZehenZeh Nr. 1: verschluckt, Zeh Nr. 2: verloren, Zeh Nr. 3: verschluckt

Im Jahr 1980 wurde der Zeh Nr. 1 bei einem Rekordversuch von einem Goldsucher Namens Garry Younger bei seinem 13. Glas Sourtoe-Champagner verschluckt. In der Folge wurden Captain Dick immer wieder Zehen gespendet, so dass der Club weiter bestehen konnte. Trotzdem erwies es sich für mich als fast unmöglich zu einer Mitgliedschaft zu kommen. Jedes Mal wenn ich in Dawson ankam, war wieder ein Zeh verschluckt oder verloren oder Captain Dick war mit seinen Zehen auswärts auf einer Tournee, so auch 1993 beim Projekt "Abenteuer Yukon". Jahre später hat es dann doch noch geklappt und ich wurde als Mitglied Nr. 13178 in diesen legendären Club aufgenommen.

Captain DickSortoe CocktailProst!

You can drink it fast, you can drink it slow - but the lips gotta touch the toe! Mit diesem Trinkspruch muss der Cocktail runter. Oder auf gut Deutsch: Du kannst ihn runterkippen oder nur dran nippen, doch der Zeh muss berühren deine Lippen!

ZertifikatMitgliederausweisMitglied Nr. 13178

Für alle, welche noch mehr erfahren möchten ist von Captain Dick Stevenson The Saga of the Sourtoe auch als Buch erhältlich.

... und die Geschichte geht weiter

Ein ernstes Problem ist, dass immer wieder Zehen verschluckt werden. Deshalb wurde eine Busse von 500 Dollar fürs Verschlucken festgelegt. Doch am Samstag den 20. August 2013 passierte es erneut. Ein unbekannter Amerikaner bestellte den Sourtoe Cocktail, kippte ihn runter und weg war der Zeh. Mit der Bemerkung "it's done" legte er 500 Dollar auf den Tresen und ging. Dies war wohl das erste Mal, dass ein Zeh mit voller Absicht verschluckt wurde. Die Bar des Downtown Hotels, wo der Sourtoe Cocktail Club beheimatet ist, erhöhte daraufhin die Busse auf stolze 2500 Dollar. Wie lange dauert es wohl, bis jemand auch diese Summe ohne mit der Wimper zu zucken auf den Tresen legt?

Es wird wohl noch eine Weile dauern, denn im Moment ist kein Reservezeh mehr vorhanden. So hat das Downtown Hotel auf seiner Webseite ein Inserat aufgeschaltet, um nach möglichen Spendern zu suchen.

InseratDringend gesucht: Zehen für den Sourtoe Cocktail!

Wenn Sie also liebe Leser keine Verrwendung mehr für ihre Zehen haben, so schicken Sie diese doch bitte ans Downtown Hotel in Dawson City, Kanada. Ein Ehrenplatz in der Sourtoe Hall of Fame wird Ihnen gewiss sein.